Braucht europäische Corporate Governance mehr Ethik?

Ethik in Aufsichtsräten und Vorständen ist ein heikles Thema. Immer wieder kochen die Debatten um Bilanzfälschungen, zu hohe Vergütungen der Manager bei gleichzeitigem Arbeitsplatzabbau hoch. Aber wie kann gewinnorientierte Unternehmensführung mit moralischen Werten wie Verantwortung, Menschlichkeit oder Fairness in Einklang gebracht werden?

Diese Frage ist zu einer europäischen Problemstellung geworden. Am Londoner Institute of Business Ethics (ibe) ist – in Kooperation mit der European Confederation of Directors Associations (ecoDa) – eine Publikation zum Thema Ethik in der Unternehmensführung entstanden. Die Forschungsergebnisse, die in dem Bericht A Review of the Ethical Aspects of Corporate Governance Regulation and Guidance in the EU zusammengefasst sind, wurden am 2. Juli auf der Konferenz Does EU Corporate Governance needs more ethics?“ in Brüssel vorgestellt und diskutiert.

Bereits 2005 widmeten sich Anselm Bilgri und Konrad Stadler von Anselm Bilgri & Partner in einem Gastkommentar für das Magazin Der Aufsichtsrat genau dieser Frage, „Die moderne Unternehmensethik setzt auf Spielregeln. In einem Ethikkodex verpflichten sich Unternehmen zur Einhaltung bestimmter Werte.“ Diese Regeln sollten im Idealfall in der Diskussion zwischen Führungsebene und Mitarbeitern entstehen. „Mit dem Wertemanagement entsteht somit ein Instrument, das den unternehmerischen Fortschritt auf eine ethische Basis stellt. Neben der Selbstevaluation öffnen Unternehmen die Tür für unabhängige Ethikauditoren.“ Im Idealfall funktioniert es also über eine Selbstverpflichtung der Unternehmen. Unter anderem in Deutschland vertraut man jedoch nicht allein auf die Eigenkontrolle der Konzerne, was dazu geführt hat, dass 2001 die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex ins Leben gerufen wurde. In dem von ihr verabschiedeten Kodex kommt das Wort Ethik allerdings nicht vor.

Das Fehlen ethischer Sprachgestaltung in den Kodex-Dokumenten der einzelnen EU-Länder war ein Thema der Brüsseler Konferenz. Ein weiteres Problem, welches aufgedeckt wurde: die Vorstellungen davon, was ethisch eigentlich bedeutet, sind nicht unbedingt immer gleich.

Die Autorin des ibe-Reports, Julia Casson, hat die Ergebnisse der Diskussion in einem kurzen Bericht zusammengefasst: Eine europäisch einheitliche Regelung für die Aufsichtsratsarbeit zu finden, dürfte schwierig werden, da die Strukturen von Aufsichtsrat und Vorstand in den einzelnen Ländern mitunter stark voneinander abweichen. Hinzu kommen unterschiedliche kulturelle und soziale Faktoren. Teilnehmer  und Redner waren sich aber darin einig, dass Unternehmen mit einer starken Firmenkultur effizienter sind und besser durch die Krise kommen. Aber wie ethische Verhaltensweisen in der Firmenkultur verankert werden, ist damit noch nicht abschließend erklärt.