In Wolfsburg jagt ein Skandal den nächsten

Beim größten Autobauer Europas, der kurz davor war Toyota die Weltspitze abzulaufen, jagt ein Skandal den nächsten. Wie gut kann die Corporate Governance eines Weltkonzerns sein, wenn sein Aufsichtsrat aus der Unternehmerfamilie, Vertretern der Belegschaft und ein paar Landespolitikern besteht?

Antike Diesel-Zapfsäule.

Um den strengen Abgasvorschriften bei Dieselmotoren gerecht zu werden, hat der VW Konzern die Software von Millionen Fahrzeugen manipuliert. Der Aufsichtsrat tappte, wie so häufig bei Management-Fehlleistungen, im Dunkeln.

Der VW Aufsichtsrat hatte gerade erst ein bisschen Zeit, sich von dem Machtkampf zwischen Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn zu erholen, da steht schon der nächste Skandal vor der Tür. Die Streitigkeiten zwischen dem damaligen Aufsichtsratschef und dem Vorstandsvorsitzenden hatten im Frühjahr den VW Patriarchen Piëch und seine Frau zum Rückzug aus dem Kontrollgremium gezwungen. Winterkorn, der seit 2007 dem Automobilkonzern vorstand, ging als Sieger aus der Affäre hervor. Nur kurze Zeit später muss er nun trotzdem sein Amt niederlegen.

Grund dafür ist der vor kurzem öffentlich gemachte Abgasskandal des Wolfsburger Autobauers. Mehrere Millionen Automobile mit Dieselmotor der Marken Audi, VW und Skoda wurden mit einer Software ausgestattet, die die Abgaswerte manipuliert. Mit Bekanntwerden dieses Betrugs musste VW-Chef Winterkorn zurücktreten. Nun wird ermittelt, wer von dem Vorgehen gewusst hat und zur Verantwortung gezogen werden kann. Und diese ist groß. Täglich flattern neue Klagen ins Haus, der Schaden kann sich zu einer Summe von 50 Milliarden Euro kumulieren.

Aufsichtsrat im Dauerstress

Der Aufsichtsrat hat nun alle Hände voll zu tun. Zunächst musste ein neuer Vorstandschef gefunden werden. Das scheint mit dem bisherigen Porsche-Chef Matthias Müller nun geschehen zu sein. Auch Porsche hat schnell reagiert und Oliver Blume an die Spitze des Sportwagenherstellers gestellt. Weiterhin steht das Kontrollgremium noch vor der Aufgabe, die eigene Spitze zu besetzen, die seit dem Rücktritt von Piëch vakant war. Der VW Finanzchef Hans Dieter Pötsch soll diese Lücke schließen. Wie sinnvoll und richtig das ist, sei dahin gestellt. Der Aufsichtsrat hat nämlich eine weitere Aufgabe: das Aufklären der ganzen Misere. Und inwieweit Pötsch als Vorstandsmitglied in die Angelegenheit verwickelt ist, weiß man eben noch nicht. Er soll also die Untersuchungen gegen die Konzernleitung anführen, der er selbst angehört hat. Außerdem ist der direkte Wechsel vom Vorstand auf den Chefsessel im Aufsichtsrat nicht gerade als Zeichen guter Corporate Governance angesehen.

Und nicht zuletzt steht da die Frage: wer soll das bezahlen? Martin Winterkorn? Vielleicht findet die Staatsanwaltschaft noch andere verantwortliche Manager – einige wurden bereits beurlaubt. Dass man bei VW gut verdient ist allgemein bekannt. Ob sie gemeinsam 50 Milliarden zusammenkratzen können, ist allerdings zu bezweifeln. Eine D&O Versicherung gibt es natürlich, allerdings deckt diese nur ein Hundertstel der von Analysten berechneten Schadenssumme. Außerdem ist höchst fraglich, ob sie überhaupt für den Fall aufkommt. Denn in vorsätzlichen Fällen sieht sich ein Versicherer natürlich nicht in der Pflicht zu zahlen.